Meine 8 Jahre Leben mit Orbans Propaganda und was das für den praktischen Umgang mit Meinungen zu Putins Krieg bedeuten könnte

Wir EuropäerInnen haben in den friedlichen Jahren nach 1989 verlernt, mit Propaganda umzugehen. Dabei sind die Zeiten zur Manipulation öffentlicher Meinung so gut wie nie. Jede große Kommunikationsrevolution, so fortschrittlich sie wirken mag, brachte immer auch Zwietracht, Polarisierung und Konflikt hervor, welche durch gezielte oder ungezielte Beeinflussung öffentlicher Meinung maßgeblich verschlimmert wurde. So hat die massenhafte Verbreitung billiger (Schund-)Presse zu nationalistischen Aufwallungen in allen beteiligten Ländern des ersten Weltkriegs geführt. Die Erfindung und Verbreitung des Buchdrucks wird häufig in Verbindung mit Religionskriegen in Europa gebracht. Daher ist es nicht erstaunlich, dass auch das Internet und soziale Medien, neben allen Vorteilen, großes Potential zum Missbrauch haben.

Ich selbst habe dies acht Jahre in Ungarn erlebt, und das, obwohl mein Ungarisch alles andere als gut ist. Während dieser Zeit hat das Orban Regime eine gigantische Propagandamaschine aus Plakaten, Zeitungsannoncen, sozialen Medien, Fernsehberichten, bis hin zu Gas-/Stromrechnungen mit politischen Inhalten angeworfen. Natürlich unter freundlicher Mithilfe des „großen Bruders“ aus Moskau, der Orban auch mit zahlreichen finanziellen und technischen Hilfen unterstützt.

Als regelmäßiger Spaziergänger – wir haben einen Hund – bekommt man die Früchte dieser Propaganda en passant deutlich zu spüren. Um nur mal die verrückteste These zu nehmen, die ich in dieser Zeit gehört habe: Der Grund, warum Deutschland 2015/6 zahlreiche syrische Bürgerkriegsflüchtende aufnahm, lag darin, dass Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg von französisch-moslemischen Besatzungssoldaten unterworfen und heimlich islamisiert wurde!

Mittlerweile verstehen wir gut, dass es derzeit in allen Industrieländern eine große rechtspopulistisch und rechtsradikale Propagandakampagne gibt, die versucht, demokratische Institutionen infrage zu stellen, nationalistische Gefühle zu schüren und xenophobe, rassistische und homophobe Ansichten zu verbreiten. Wenn jedoch schon eine Minderheit von Wählern Viktor Orban in einer elektoralen Autokratie zu einer stabilen Regierung verhilft, dann ist nicht verwunderlich, dass die russische öffentliche Meinung durch den KGB-ausgebildeten Diktator Putin noch viel stärker und erfolgreicher manipuliert wurde und, jetzt im Krieg, noch viel mehr manipuliert wird.

Doch darum geht es mir hier gar nicht. Mir geht es vielmehr darum, was man praktisch als Einzelner dagegen tun kann.

Und da, glaube ich, müssen wir immer noch viel dazulernen. Ich selbst bin ganz eindeutig kein Experte, aber ich will trotzdem ein paar praktische Überlegungen teilen. Denn es ist nicht damit getan, einfach auf die Manipulation hinzuweisen. Mit reinen Fakten, sofern sie denn in Russland und bei Putins UnterstützerInnen und SympathisantInnen überhaupt ankommen, ist es nicht getan.

1.) Wer tritt in Kommunikation? Sollte es sich dabei um einen Bot oder einen bezahlten Propagandisten handeln, lohnt sich die Mühe nicht. Manchmal erkennt man das schon an unwahrscheinlichen Twitterprofilen. Ebenso ineffizient ist der Umgang mit besonders radikalisierten hardcore Anhängern. Das ist zumeist Zeitverschwendung. Darüber hinaus gibt es jedoch eine breite Menge von Menschen, die von Propaganda vereinnahmt wurden, die man aber durchaus noch umstimmen kann und mE auch umstimmen muss.

2.) Bei solchen Menschen ist es absolut wichtig, sie gerade am Anfang nicht zu antagonisieren. Ich sage nicht, dass man mit ihnen sympathisieren soll. Aber man muss sie verstehen, etwas reden lassen. Gerade am Anfang ist es wichtig, Triggerworte wie ‚Rassist‘, ‚Nazi‘ etc. zu vermeiden. Nicht, um die Meinung des anderen zu tolerieren, sondern um sie zu unterwandern. Der direkte ‚Angriff‘ führt fast immer zu instinktiven Abwehrhaltungen des anderen. Daher sollte man, wenn überhaupt, immer nur Argumente des anderen kritisieren, aber nicht den anderen persönlich.

3.) Viele Arten von fake news enthalten einen mikroskopisch-großen Anteil von Wahrheit. Nehmen wir Putins angeblichen Feldzug gegen ukrainische Neonazis. In der Tat gibt es in der Ukraine hässliche Auswüchse des Rechtsextremismus. Die eigentliche fake news liegt in der grotesken Übertreiben, nämlich dass die ukrainische Regierung nur aus Neonazis bestünde, und sogar einen Genozid gegen russische BürgerInnen in der Ukraine betreibe. Daher muss die Argumentation eher darauf basieren, die Unverhältnismäßigkeit eines Angriffskrieges zu betonen. Man kann auch über reductio ad absurdum gehen: Wenn Putin etwas gegen Neonazis hat, müsste er mit sich und vielen seiner Anhänger in einen Krieg treten, denn seine Ansichten sind eindeutig rechtsradikal. Außerdem unterstützt Putin – und das wissen die meisten Leute mit rechter Gesinnung selbst – rechtsradikale und rechtspopulistische Bewegungen in vermutlich allen europäischen Ländern.

4.) Es ist aus meiner Erfahrung wenig hilfreich direkt gegen ein Argument, ein Faktum anzureden, sondern eher bestehende Meinungen indirekt zu destabilisieren. In Ungarn habe ich, wie auch in Deutschland, oft gehört, dass Intellektuelle sowieso nur sich selbst überhöhen wollen und angeblich weniger Gebildeten unwahre Dinge erzählen. Dieser Reflex ist in postkommunistischen Ländern meiner Erfahrung nach noch stärker ausgeprägt. Ich sage in solchen Fällen immer, dass das sein kann, aber dass in meiner Kindheit die coolsten Typen alle Handwerker waren, und dass bei uns niemand auf ‚einfache Werktätige‘ herabsah. Es geht um das Aufbrechen von Narrativen – das ist ein schwieriger, komplexer Prozess, der viel Fingerspitzengefühl benötigt. Wenn man jedoch mal eine solche Basis aufgebaut hat, kann man sich auch an politisch viel heiklere Themen machen.

5.) Sollte man tatsächlich etwas ‚Terrain‘ gewonnen haben, sollte man diese Tatsache am besten gar nicht groß thematisieren oder bewerten. Allenfalls dafür danken, dass der andere sich Zeit genommen hat. Keinesfalls betonen, dass der andere Zeit/ Energie oder sogar an Ruf eingebüßt hat. Die meisten professionellen Konfliktschlichter betonen, dass es ganz entscheidend ist, dass die andere Seite ihr Gesicht wahren kann. In Zeiten eines Krieges klingt dies wie ein unzumutbares Zugeständnis, aber es ist zumeist die einzige Alternative. Wie gesagt, so etwas kann nicht für Kriegsverbrecher gelten, wohl aber für politische hochgradig manipulierte Mitläufer- und SympathisantInnen.

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Podcast @brandtschool about #migrant workers’ rights and #sportswashing in mega events like #Qatar2022 football worldcup

The Brandt School students recorded a podcast on international labour law and sportswashing using the case of mega events such as the football (soccer) World Cup in Qatar 2022. The podcast was recorded before the Russian invasion of Ukraine happened, so you won’t find references to it. But, I think, the huge entanglement of organizations like FIFA, UEFA or the IOC with dictatorships such as Russia, make some of the lessons of this podcast also relevant for current events.

You can listen to the podcast here: https://thebulletin.brandtschool.de/the-bulletin-podcast-18-labor-violations-against-migrants-in-mega-events#jump

Or you can read some (hastily written) interview notes (not an accurate transcript) of the podcast here:

QUESTIONS AND INTENDED DISCUSSIONS

1.           Could you please explain the international labor law? How does it

protect labor migrants? Why is it important?

To be honest ILL does not exist to the same degree that international business law or international trade law exists. Often at the intersection between HR and Labour Rights. It is a patchwork of private, public and supra-/international law (UN, WTO, ILO, EU). In some realms quite advanced (e.g. anti-discrimination with in EU, health & safety regulations, regulations related to international trade, although there is no such thing as a social clause within the GATT/ WTO rules). In others standards ratified by some countries and also with implementation problems, most importantly those by ILO, e.g. through Fundamental Conventions.

Enforcement more difficult, Often done unilaterally, or through trade sanctions (e.g. in the case of dumping), Regional enforcement schemes. There are also important voluntary standards (CSR strategies by companies). Within all these standards, guaranteeing free flow of labour one of the most subject areas of IL standards. International Convention on the Protection of the Rights of All Migrant Workers and Members of Their Families is a Convention of the UN, however fewer than 50 countries ratified it (the least ratified of all UN HR Conventions). No country from the Arabic peninsula, if I see this correctly. Not the only international attempt at regulation. ILO also has several migration-specific tools e.g. the Migration for Employment Convention, and of course on Forced Work.

So, all in all, yes ILL is important, but it is still in its infancy/teenage years, if that makes sense. Compared to, say the international trade regime it was much more controversial in the beginning and so advanced could only be seen on issue such as Child Work. Migration remains a controversial topic.

2.           Why do we need to talk about mega events when we raise the issue of

violation of labor migrant rights?

We don’t need to talk, but because Mega Events have more visibility, they highlight important social problems in the field of work and work-related migration. In an age of limited attention span in the World Opinion, such Events get a lot of air time. In this way they can bring attention. What they don’t provide is real leverage, unless the FIFA really insists on exercising the leverage (e.g. by a threat of withdrawing the tournament). So, this discussion gets us away from merely legal aspects to social and political mobilisation for workers’ rights.

3.           Can mega-events like the World Cup be an avenue to pressurize reforms

in the host country’s labor market?

In principle yes, but we need to understand first the motives why would Qatar host the world Cup? I think it is not because the Sheiks are crazy about sports. They tend to prefer yachting & sailing, Polo or Hunting with Hawks. Let me tell you an anecdote to support this impression. 12 years ago, I went to Indonesia for a holiday (and some business). I booked a surprisingly cheap flight, because I forgot that on the very day of the flight would be the World Cup final in South Africa. Then I checked and I saw we will have a 6h stop in Doha, the capital of Qatar. So I thought, well that’s great, let’s watch the game there. When I arrived at the airport, the game was nowhere displayed, in no bar, not even most of the airport lounges. I would have paid, but to those I could have gotten access they did not bother. What I did see, instead, was a lot of ads for Qatar’s bid for the 2022 World Cup.

I think this anecdote reveals what Qatari leaders really want. They need the WC for Sportswashing (which is exactly the opposite of what we have been discussing, i.e. distracting attention from unpopular political issues such as HR, involvement in conflicts) in the broad sense and to gain international support also for domestic security. Don’t forget Qatar is also in an economic and strategic rivalry if not manifest conflict with other countries, Saudi Arabia in particular. So actually, Mega Events often do the opposite, they try to distract World Opinion from a hot political issue. You might have heard that Saudi Arabia, through some investment vehicles, recently bought a English Premier League Club for instance. Or just think why China hosted two Olympic games in recent times? One motive is clearly to show how well organized, how clean and how desirable the Chinese political regime is as a project. And of course that the claims about HR abuses among Uigurs are just lies, so they say.

Does this sportswashing to host events such as World Cups, Olympic Games etc. work? I think there is some systematic (statistical) evidence that it does, and also good case study evidence. But there are also disclaimers. E.g. in democracy it works less. And, of course, there is counter-mobilization. Organizations such as Transparency International, Amnesty International, Workers’ Rights Movements, Migrants’ Rights Movements etc….

Did raising attention to the horrible working standards in Qatar work? Well, to some degree. E.g. Qatar did sign an agreement with the ILO in 2017, cases get intensely monitored etc. Has Qatar abolished the Kafala system and introduced a general minimum wage? Human Rights Watch, for instance, would argue that only some important elements of the system have been removed.

Kafala means that an international migrant gets employed by someone in Qatar and the migrant does have no rights of unilaterally quitting and, e.g. look for another job, often his or her legal documents are withheld so that a worker can no longer leave the country without the permission of the employer. They often also do not have to any legal resources, e.g. if a worker wants to sue his or her employer. Such systems can easily lead to abuse, mistreatment, horrible working conditions and often constitute forced, if not a form of slave labour.

So yes, counter-mobilization to some degree. Qatar feels being watched more than before. But it is also remarkable that they postponed the abolition until most of the construction were done. Otherwise there ludicrously ambitious plan to host a world cup in such hostile climate conditions in such a short period of time would have been blown away, I guess.

4.           How can organizing committee and private investors play a role in

pushing for improvements in the international labor laws and practices?

As I said, the FIFA should have a role in this, because it is the only organization with direct leverage over the Qataris. But it doesn’t because it considers itself to be unpolitical, and because it itself is deeply divided on such issues. Moreover, it gets a lot of money from Qatar, and I mean a lot of money, both officially, and if the sources are correct, there is also clear evidence for corruption, for instance in getting the right to host the tournament. Not saying that the Qatar bid was the only corrupt one, but it was arguably the highest offer.

So pressure needs to come from FIFA’s main sponsors e.g. such as VISA, Coca Cola, but also Adidas. Adidas is often overlooked, because it is kind of assumed to be part of the logistics, but there is also good evidence for the very intimate role which Adidas plays. For me, as a German it is always bewildering that Adidas often gets a pass in this regard. They are a major ally of FIFA.

Shaming does work to some extent. So FIFA has had some difficulties, reportedly to get prominent sponsors. But, of course, the most important sponsor of World Cup 2022 is Qatar itself. And don’t forget that there are also a lot of non-Western sponsors for which such shaming strategies may not necessarily work.

5.           What happens after the mega events are over? How can we ensure host

countries continue to protect labor migrants?

The saddest thing about such Mega Events and the Qatari World Cup in particular is that it usually does not yield lasting impacts. There might be some exceptions. For instance, Barcelona used the 1992 summer Olympic games to relaunched its urban face and this arguably spurred a lot of investment and tourism, but very often, there is little economic benefit in hosting a tournament. Which is one of the reasons that recent mega events were not hosted by any type of rich countries, but by rich autocratic countries. These countries want to gain something out of it, namely international popularity, and also domestic popularity. It is kind of an Opium for the Masses, if you want, something you offer either instead of political rights, democratic accountability etc.

So yes, the counter-mobilization of human rights organizations, organization promoting ILL etc. are vital. They are important to make sportswashing as ineffective as possible. The Khafala system might have been severly and lastingly undermined, the Qatari government seeks international reputation especially in the West, so it also tries to become more modern in the sense of social and labour standards.

All in all, however, we also need to rethink how mega events are allocated. For instance, it is obvious that hosting the World Cup in Qatar and under such conditions is a political, social and environmental disaster which costs more than it really brings back. Apart from being good entertainment, of course. For me the thing that makes the Qatar World Cup so absurd are its social and environmental cost with very little legitimacy in terms of being support by actual local fans.

It is important to note that this is not to promote a Eurocentric, self-serving narrative. It should become easier, financially speaking to host mega events, and organizations should help countries in the Global South to host these events rather than to press them into financially extremely unfavourable terms. The grotesque nature of hosting a World Cup in a country of 300,000 Qataris and 2.3 million migrants highlights the dubious way how the FIFA allocates World Cups. In the grand scheme, the entertainment circus will move on the. The big stadiums, will be used for something else, built back or will remain empty white elephants.

One sign of the times is perhaps, and we saw this in the recent European Cup, is that Football gets increasingly politicized and polarized. In that way, there will be pressure exerted again against those who participate. For instance, a lot of companies and UEFA (the European football association) itself were accused of Pinkwashing, i.e. paying lip services to HR as regards sexual orientations. UEFA (and FIFA) a good examples, because they launch costly PR campaigns raising awareness about anti-discrimination and anti-racism, but then hosts 4 games in Budapest, Hungary, which currently has a clearly xenophobic, racist and homophobic national government.

So yes, awareness raising is very important, first and foremost to counter and undermine the Sportswashing strategy of these regimes. Second, we need to tie more aid and trade policies to minimum labour standards. Of course, the West cannot abuse and inflate the use of social dumping against poorer countries. But things like forced work, withholding important legal documents and making workers work during unbearable heat etc. must be forbidden in any context, and, in particular not in super-rich countries such as Qatar. These minimum labour standards should also be accompanied by minimum capital investment standards. Not every investor is desirable, and there needs to be an international regime that indexes investments on ecological, social and political criteria. Sounds naïve, but you have to start somewhere.

Finally, and returning to the mega-events, the rules of giving away hosting rights of such events must also be scrutinized. I am a big fan of imposing a lottery system to take away corruption from the process. And FIFA also needs to decide how to deal with political conditions. And cannot merely launch fancy PR campaigns exhorting appeals to common humanity, but in the offices collaborating with brutal regimes. Or else, it needs to become a vacuous diplomatic organization with no political content whatsoever, but then risk that important sponsors will feel forced to withdraw.

In the larger question of the regulation of migration flows, of course, we also need more scrutiny and political and legal mechanisms to ensure that migrants’ rights are respected all along the way of migration. My wife, Luicy Pedroza works on a project that looks at an integrated perspective on migrants’ rights starting in their home country going into the destination country and combining numerous aspects such as questions of legal status, social rights, labour market integration.

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Bismarck, Urban Insiders and the Global Rise of Social Security Contributions

Together with a great team of research assistants, Philipp Genschel and Laura Seelkopf compiled an impressive data set (TID) that gives information about the first introductions of all major modern forms of taxation from personal income taxes to VAT. You can find this data here: https://tid.seelkopf.eu/ On basis of this data, the two have edited an equally impressive edited volume introducing the data and then looking at the correlates of early introductions. For details see here: https://twitter.com/LauraSeelkopf/status/1488449970306957314.

I was lucky enough to be involved in the book project. My chapter deals with early introductions of Social Security Contributions (SSC). As you might know, SSC are typically very closely linked to social security. They tend to be ear-marked and represent rather a type of forced or contingent savings than a real tax. Because of this strong nexus, a crucial question is not (only) when to introduce SSC, but rather whether to use SSC or taxes to finance early soc security.

This crucial question was also a quetion which vexed German imperial chancellor Bismarck in the 19th century. Bismarck is often credited as founder of the welfare state and public social insurance. One impressive finding of TID is that many non-European countries have done similar things, at times much earlier. Nonetheless, Bismarck’s decision was important because it inspired a lot of other countries to do similar reforms. So his problem becomes relevant: How to finance social insurance? Surprisingly enough, he preferred taxation! And he lost against the parliament. This is why the German welfare state became associated with SSC.

Now the question is whether this was an exclusively German story or whether there are some general structural problems. In other words, when do governments use SSC rather than taxes to finance early social policy? Of course, there are many different potential explanations why governments might choose one form of financing the welfare state over another. Colonial introductions played a huge role. French colonies, for instance, introduced SSC in the year 1952 as response to a bill on maternity benefits passed in the French parliament.

For me, one potential explanation is particularly intriguing: as argued above, compared to general taxes, SSC are (usually) tied to benefits. This makes them particularly interesting for qualified workers, usually found in the (male) urban industrial sector, who want to insure themselves against issues such as invalidity, but who do not really seek universal insurance for everyone. Some people have called this segment ‘insiders’, because these workers are the ones usually having access to social security benefits whereas a lot of self-employed, non-employed or informally employed people do not. Whether or not you agree with this notion, it is clear that SSC impart a different logic compared to taxation. In particular, SSC do not really follow a redistributive logic.

If it is true that SSC are advocated by urban (industrial) workers and their interest groups this suggests that they arise in urban settings. Rural societies do not have the logistic and political capacity to promote SSC. However, there is a counter argument, which might impose an upper limit on this logic of urban industrialism. Very urban societies make special interests very large and dissipate the benefits of insidership. Larger urban societies will contain workers of all types not only specially qualified workers. They will include service sector workers and many other people in the need of social security. They will also include informal workers. In such settings, SSC loses some of its charm and it would make more sense to expect tax-financed social security.

When you put both arguments together, we could expect that SSC need some degree of urbanization but only up to a limit. This is also what we see in the data. The figure shows predicted probabilities for having an SSC rather than a tax financed system. I do not want to bore you with the details. Econometrics is one of those things you do not want to look into too closely, because you would realize how ugly the truth often is. For those interested in the details, I refer to the chapter. Let us focus on the somewhat naïve and stylized descriptive (bivariate) relationship between the probability of having a SSC-financed rather than a tax-financed social security system. The curvilinear relationship indeed illustrates that the probability is highest for medium levels of urban density. Very rural countries don’t really have the capacity and the political will to collect SSC, very urban societies do no longer find it attractive compared to taxed-financed.

For details see the book chapter.

There is some anecdotal evidence that this logic applies to many countries in the global south and the global north. But of course there are varieties and several other reasons informing this choice. The chapter concludes with Bismarck’s other defeat. As many people might know, Bismarck famously introduced social security (also) to fight Socialism and the rise of Social Democracy. As history showed, this did not really work. To the contrary, early decisions for or against SSC might have had path dependencies because, once you introduce SSC, (qualified) workers will fight for their expansion and continuation.

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PostDoc-Stelle, 2 Jahre, Internationalisierung und Digitalisierung @brandtschool @unierfurt

Wir suchen jemand, der sich für den Bereich Hochschulmanagement und Lehradministration weiterqualifizieren möchte. Weitere Rückfragen gerne an mich.

Hier ist die Ausschreibung als pdf

Und hier nochmals direkt eingefügt:

Stellenausschreibung


Kennziffer 67/2021


An der Willy Brandt School of Public Policy der Universität Erfurt ist zum 01.10.2021 bzw. zum nächstmöglichen Zeitpunkt folgende Stelle im Umfang von 40 Wochenstunden zu besetzen:
Wissenschaftlicher Mitarbeiterin
Internationalisierung und Digitalisierung der Lehre
Entgeltgruppe 13 TV-L (100 %)


Aufgabengebiet
• Anbahnung institutionell verankerter Kooperationen in Form von gemeinsamen Program-men (Joint/Double Degree, Cotutelle)
• Einwerbung von Drittmitteln zur Unterstützung der angebahnten Kooperationen
• Konzeptualisierung gemeinsamer Formate mit ausgewählten Partnern im Ausland
• Entwicklung neuer Lehrformate und -instrumente, die die Erbringung der Lehre – global gedacht – vereinfachen und verbessern können (hybrid, online, interkulturell) anzuwen-den im Bereich der Public Policy und Sozialwissenschaften (z.B. Public Administra-tion/Public Economics oder Conflict Studies and Management) u.a. auch unter Berücksichti-gung der mentalen Gesundheit der Teilnehmerinnen,
• Lehrtätigkeit zur Erprobung der entwickelten Lehrformate in den o. g. inhaltlichen Bereichen (2 LVS)

Anforderungen
• abgeschlossenes wissenschaftliches Hochschulstudium (Diplom/MA/Staatsexamen) in Public Policy, Sozialwissenschaften, Ökonomie oder Jura, idealerweise promoviert
• Kenntnis der internationalen Hochschullandschaft und -zusammenarbeit
• Erfahrung im Bereich der Hochschulkooperation bzw. Austauschpartnerschaften
• Lehrerfahrung in einem internationalen Umfeld, idealerweise in englischer Sprache
• Erfahrung in der Einwerbung und Bewirtschaftung von Drittmitteln
• technische Kompetenz für hybride und online Lehre
• fließende Beherrschung der englischen und deutschen Sprache in Wort und Schrift
• Interkulturelle Kompetenz

Anmerkungen
Die Stelle ist entsprechend der Projektbewilligung auf 2 Jahre befristet, endet jedoch bei einer evtl. Einstellung nach dem 01.01.2022 mit dem Projektende zum 31.12.2023. Die Ausschreibung richtet sich an Bewerberinnen, die die Voraussetzungen des Wissenschafts-zeitvertragsgesetzes erfüllen. Es gelten die allgemeinen Einstellungsvoraussetzungen nach § 91 Abs. 5 Thüringer Hochschulgesetz.
Die Universität Erfurt engagiert sich für Diversität und Geschlechtergerechtigkeit. Sie ist als „fa-miliengerechte Hochschule“ auditiert und hat im Professorinnenprogramm das Prädikat „Gleich-stellung ausgezeichnet“ erhalten. Schwerbehinderte Menschen sowie diesen Gleichgestellte werden bei gleicher Eignung, fachlicher Leistung und Befähigung bevorzugt eingestellt.


Die Universität Erfurt fördert die Vereinbarkeit von Karriere und Familie und bietet flexible Ar-beitszeiten und Weiterbildungsmöglichkeiten an sowie im Rahmen des betrieblichen Gesund-heitsmanagements eine Reihe von Gesundheits- und Präventionsangeboten.
Eine Teilzeitbeschäftigung ist grundsätzlich möglich. Inwieweit einem Teilzeitwunsch, insbeson-dere im Hinblick auf Lage und Umfang der Teilzeit entsprochen werden kann, ist im Einzelfall zu prüfen.


Bewerbung/Frist
Ihre Bewerbung mit aussagekräftigen Unterlagen (Lebenslauf, Studienzeugnisse, Arbeitszeugnisse, Sprachzertifikate, Lehrnachweise) senden Sie bitte ausschließlich per E-Mail unter Angabe der Kennziffer bis zum 27.08.2021 an:
Universität Erfurt • Willy Brandt School of Public Policy • Prof. Dr. Achim Kemmerling •
Postfach 90 02 21 • 99105 Erfurt • publicpolicy@uni-erfurt.de
Bitte beachten Sie, dass Bewerbungen in elektronischer Form aus technischen Gründen eine Größe von 15 MB nicht überschreiten dürfen.
Inhaltliche Rückfragen zur Stelle richten Sie bitte direkt an Prof. Dr. Achim Kemmerling unter achim.kemmerling@uni-erfurt.de.


Hinweise zum Datenschutz
Das Mailsystem der Universität Erfurt arbeitet generell mit Transportverschlüsselung. Achten Sie bitte darauf, dass Sie beim E-Mail-Versand ebenfalls Transportverschlüsselung einsetzen. Möch-ten Sie zusätzlich den Inhalt Ihrer E-Mail verschlüsseln, nutzen Sie hierfür bitte – anstelle der o. g. E-Mail-Adresse – die E-Mail-Adresse bewerbung@uni-erfurt.de. Für diese E-Mail-Adresse fin-den Sie das Zertifikat mit dem öffentlichen Schlüssel für den Versand der verschlüsselten E-Mail unter https://www.uni-erfurt.de/universitaet/arbeiten-an-der-universitaet/stellenausschreibungen. Wenn Sie von der Möglichkeit der Verschlüsselung per Zertifikat keinen Gebrauch machen, kann keine Verschlüsselung des Inhalts Ihrer E-Mail gewährleistet werden.
Bei der Übermittlung Ihrer Bewerbungsunterlagen in elektronischer Form gilt Ihre Zustimmung als erteilt, die E-Mail und deren Anhänge auf schädliche Codes, Viren und Spams zu überprüfen, die erforderlichen Daten vorübergehend zu speichern sowie den weiteren Schriftverkehr (unver-schlüsselt) per E-Mail zu führen.
Mit der Einreichung Ihrer Bewerbung stimmen Sie außerdem der weiteren Verarbeitung Ihrer personenbezogenen Daten im Rahmen und zur Durchführung des Bewerbungsverfahrens zu. Diese Einwilligung kann jederzeit ohne Angabe von Gründen gegenüber o. g. Stelle(n) schriftlich oder elektronisch widerrufen werden. Bitte beachten Sie, dass ein Widerruf der Einwilligung u. U. dazu führt, dass die Bewerbung im laufenden Verfahren nicht mehr berücksichtigt werden kann.
Die weiteren Hinweise zum Datenschutz gemäß Art. 13 EU-Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO) entnehmen Sie bitte dem Hinweisblatt („Datenschutzhinweise für Bewerber*innen“) auf unseren Internetseiten unter https://www.uni-erfurt.de/universitaet/arbeiten-an-der-univer-sitaet/stellenausschreibungen.
Hinweis zur Kostenübernahme
Die durch die Bewerbung entstehenden Kosten werden nicht durch die Universität Erfurt übernommen.

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A rant (not really) against using frameworks (in teaching)

I have to admit I am torn. I often preach against excessive parsimoniousness in social sciences. In particular, I am no longer a (strong) advocate of the Caltech rules (one argument per paper), because I have seen too many papers, say, claiming that there is a causal relationship between inequality and voting behave, and too many papers claiming the reverse causal relationship with none of the two types of papers ever citing each other. Such stuff is good for CVs, but leads to an inflation of papers with very little cumulative scientific knowledge production.

There is, however, the opposite danger, which is becoming too complex, too holistic. In the struggle of serving to many masters, many MA and PhD students want to squeeze everything into a framework or an approach and often these students get lost in these. While the outcomes are often overly ambitious, occasionaly hilarious, the students take their cues from the scholarly literature.

Let me make examples from two fields: In comparative political economy, very established frameworks or approaches are Peter Hall and David Soskice’s Varieties of Capitalism (VoC) and Gosta Esping-Andersen’s Welfare Regimes. In the field of development, there is Amartya Sen’s Capabilities Approach approach. Now, I don’t want to defecate onto some of social science most sacred institutions. And my rant is not really against the existence of these frameworks: In God’s Pantheon there is enough space for all types of scientific contributions. Nonetheless, I think these frameworks are very challenging if not ‘god-awful’ to teach.

Just to give you an example. Try using this version of the capabilities approach for your MA (and smoke it): https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1875067211000320

Hard, isn’t it? And it is not necessarily the authors fault. The types of frameworks I have in mind, often sound great on paper and in theory, but are almost impossible to apply, especially in MA or PhD thesis.

First, they are very complex and holistic, covering material from many different disciplines. Take VoC, which effectively combines insights from business studies, economics, political science and sociology. That’s a lot of literature to work through, if you take this seriously.

Second, they often have an enigmatic status in the research logic. Are VoCs or welfare regimes an independent variable, a dependent variable, both or neither? I have seen all of these options applied, almost always without much reflection. For instance, many researchers use regimes as an independent (macro) variable for micro-level data, say on public attitudes, but are these regimes really independent variables in the common sense? Often the clusters or ideal cases are greatly informed by what researchers know about the macro- and micro-level information about these cases.

Third, are these regimes historical configurations, real cases, ideal cases or a mix thereof? The confusion makes empirical and conceptual research hard. Is Sweden a Scandinavian type of welfare state? Is Denmark? This leads to endless debates, often with the outcome that there are as many regime types as there are countries in this world (if not more). Even Esping-Andersen does not seem to be bothered following these discussions any longer. No wonder, the empirical record of such classifications sometimes looks like this: https://media.springernature.com/lw685/springer-static/image/art%3A10.1057%2Fs41267-016-0001-8/MediaObjects/41267_2016_1_Fig1_HTML.gif

https://media.springernature.com/lw685/springer-static/image/art%3A10.1057%2Fs41267-016-0001-8/MediaObjects/41267_2016_1_Fig1_HTML.gif

Fourth, frameworks and complex approaches are often hard to fill with content and to operationalize. Take Sen’s capabilities approach. What are capabilities exactly? Some scholars have tried to fill the content (e.g. Nancy Fraser). Others have tried to operationalize them (see the UN’s expanding catalogue of SDGs). But, more than often, this leads to even more follow up questions. And, by the way, what are functionings and why do we need such a clumsy word for this?

Fifth, some of these frameworks and approaches have the half-life of fruitcake on a garden table on a hot and wet German summer day, with the wasps already buzzing around. For example: Does anyone still bother what the EU’s Open Method of Coordination was all about? Probably not, but this did not hinder many PhD students 20 odd years ago to write their theses and books about it. Chapeau, by the way, to those who were the first ones to ride the wave, they usually ended up with permanent positions, but, alas, fortune was with those who came thereafter. In such cases, the frameworks (Green or White books on Governance, Aid Effectiveness, Anti-Poverty Strategy Papers…) come from the policy world, and the policy world constantly reinvents itself to constantly refresh its own legitimacy. See William Easterly’s hilarious though cynical view on the proliferation of such policy buzzwords.

Sixth, there is also the related problem of picking very current and politicized topics. Umberto Eco once said that a good topic needs to be at least 500 years old. Now, Umberto Eco was a historian interested in medieval semiotics. In social science we do not have the luxury to wait that long. But as a caveat his advice remains pertinent.

Why I am saying all this? Because I have seen dozens of PhD students filling all the voids, buttering over all the cracks and rationalizing all the inconsistencies of such frameworks and failing miserably. I have seen people writing not one, but two or three PhD theses on VoC simultaneously: one covering the individual- or firm-level analysis of skills, another on the cross-country comparison of macro regimes, a third one on the evolution of government policies. And I have seen dozens if not hundreds of MA term papers and theses pretending to use the capabilities approach while in fact just name-and-concept dropping it and then moving on to something much more feasible.

Again, I am not saying one should exaggerate parsimoniousness. So don’t do this either:

I found this infographic in a German textbook on globalization. I find it wanting, but you may decide for yourself.

I guess the trick is balance. Albert Einstein allegedly said that one has to do things as simply as possible but not ‘more simple’ than that.

This is why I try to steer MA and PhD students away from overly complex frameworks. There is nothing wrong with frameworks as sets of statements about reality, guiding research, helping narrowing down the field. However, when complex approaches and frameworks try to copy reality and map too broad a landscape, the terrain becomes mushy and full of pit holes. At some point, you need look at the map and to cut and chop it again.

Some talented students may handle the complexity and generality of Sen or Hall and Soskice. That’s good then. But for the majority: Be realistic, look at small aspects of reality and carve out smaller contributions. Otherwise you poor students end up citing these frameworks (which is good for the authors I guess), but will either ignore them or else you will get dragged down by them.

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Syllabus for our BA Seminar on #Euro2020 from a Social Science Perspective

We will hold a B.A. seminar on the European Cup 2020 from a Social Science Perspective ranging from questions about racism and fan culture to the governance and political economy of the game. As a special guest we have Chris Anderson @soccerquant with us!

See our syllabus here:

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Op-Ed in Times Higher Education on Social Sciences and Humanities and their role in fighting the military coup in Myanmar

Together with several colleagues including @Luicy_Pedroza I wrote an Op-Ed for @timeshighered on the crucial and fragile role of Social Sciences in Myanmar’s fight against the military coup, and in the global fight against democratic regression. You can find it here: https://www.timeshighereducation.com/blog/myanmar-underlines-importance-supporting-social-sciences.

If you don’t have access to it, here is our slightly longer pre-edit version:

Myanmar Military’s Hatred for Social Sciences and Humanities

In an acre of University of Yangon a bunch of twiggy trees grow on a field where once stood the student union building. The trees look thin and squalid, but they provide good shade on sunny days and a relieving breeze from intense noon heat. Amid the trees a small and modest monument commemorates the destruction of the student union building in 1962. At least 20 students were killed in this incident and many more were injured (https://www.irrawaddy.com/specials/places-in-history/myanmars-destroyed-heritage-rangoon-university-student-union.html). In Myanmar’s young history as an independent nation, so strife with ethnic and regional conflict, there is one constant: teachers and students have always been at the forefront of any progressive, democratic movement and every return to autocracy has started with violent student and teacher repression.

After the February coup, Myanmar’s streets are filled with people from all walks of life protesting the usurpation of the November election results and their right to dignity, human rights, a better life. Students, workers, teachers, taxi drivers, artists, street vendors, men, women, young, old, straight, LGBT, Bamar, Mon, Karen, even Rohingya, Buddhist, Christian, Muslims and people of no faith have taken the streets in outrage. And hope. But like in many key moments of Burmese political life, activism begins with university staff and students. They are a powerful, creative, inspiring, resilient social force, having played critical roles in nation-building and the 1930 anti-colonial struggle, the 1962, to 1988 anti-coup protests (the 8-8-88 generation), even in 2021 universities, teachers and students are leading the way. So far, it is estimated that more than 30 students have lost their lives for protesting against the coup (https://www.universityworldnews.com/post.php?story=20210305141315863). Precious, irreplaceable lives of many people are at risk in Myanmar as once again university students and their professors are in the line of fire (https://www.timeshighereducation.com/news/myanmar-campuses-distress-coup). There is something else at stake: the delicate progress transforming Higher Education in Myanmar is being trampled down by the military (https://www.timeshighereducation.com/news/myanmar-coup-could-stall-decade-ofhigher-education-development).

Myanmar is a stark example of the importance of universities in general, and the crucial importance of Social Sciences and Humanities in particular, for the flourishing of democracy. Myanmar is also a vivid example of the democratic regression we can observe in many countries across regions, from the recent massive protests around Boğaziçi University in Turkey (https://www.theguardian.com/world/2021/feb/04/turkey-student-protests-grow-young-people-vent-frustrations-with-erdogan) to the ousting of Central European University in Budapest (https://www.bbc.com/news/education-46427810). Universities with flourishing, independent Social Science and Humanities departments are one of the prime target groups for autocracies and dictatorships. The violence against them shows how much these regimes fear critical thinking.

The special relevance of Social Sciences and Humanities in Myanmar is obvious if we look back some three decades. After the 1988 student uprising, the military regime closed most of those degrees it identified as troublemakers, especially Political Science and Sociology. At the same time the military regime converted the universities of Mandalay or Yangon, often lauded as South East Asia’s beacons of Higher Education, into small, provincial looking facilities that just few years ago hosted more stray dogs than students. For a long time, the military only allowed acceptable forms of education in the Social Sciences: docile versions of Economics and Law, unpolitical forms of Geography. The ‘stump’ of International Relations that survived is a good illustration: The only program that remained in this discipline was a postgraduate degree in diplomacy, where students were taught such important matters as what kind of presents to give to foreign ambassadors instead of a content that would equip them to understand an increasingly complex and globalized world. This culling of degrees was part of a barrage of measures to kill the critical spirit of universities. Further measures included reorganizing student’s accommodation as to limit and control their possibilities to gather and mobilize.

Mandalay University 2012, foto by Matteo Fumagalli

Against this background, the opening of the country after 2010 was remarkable. It gave universities the opportunity to reconnect to foreign universities in the Western world, exchanging faculty, hosting conferences and training in all types of disciplines including Social Sciences and Humanities. Little by little new types of degree programs were accepted. Granted, the process was slow and blocked by unwieldy structures such as an extreme centralization in Higher Education even during the governments led (effectively) by Aung San Suu Kyi. But there was hope and real change. Universities across the country started to educate students in analytical abilities and critical thinking. The generation that is now protesting on the streets is one that would find no trouble holding educated discussions about matters such as federalism, conflict, and migration with students from the universities where we, the authors, teach. What is more, these students show a deep motivation for learning and a drive to educate themselves enough to elaborate plausible proposals for a Myanmar after autocratic rule. They know how precious those spaces for open debate are and do not want to miss them anymore.

The coup has put this fledgling democracy again at the brink of extinction. From outside the options to help are limited. Nonetheless, the case of Higher Education in Myanmar tells us how important it is to support the seemingly elusive academic disciplines in Social Sciences and Humanities. To safeguard against the rising wave of autocratic backlash we see in so many countries, universities must unite in solidarity and form timely, resolute alliances with those under pressure, the true canaries in the coalmine. Once critical thinking in universities goes down, so goes liberty in general.

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Why we should use Lotteries in Policymaking

We live in a society which obsesses with measuring, ranking, and benchmarking (see e.g. Steffen Mau’s The Metric Society). Everything needs to be compared, everyone needs to compete. Metrification and competitiveness go hand in hand. And the underwriting normative principle of all of this measuring and competing is meritocracy, the gold standard which seemingly marries efficiency with justice.

Yet, deep down, we all know that success in life depends on many things such as personal background, health, connections, and sheer, damn luck. Our society likes to underestimate those other factors, and overestimate merit and effort. There are both cultural and psychological reasons for this. For societies, meritocracy is an easy and legitimate way to create social order. For individuals’ psyche, meritocracy means that winners can congratulate themselves, and losers can blame themselves. This creates a very stable system.

Several recent books (Markovits, Guinier, Sandel) have called into question this tyranny of meritocracy. Strong meritocracy is a serious blow to social mobility and the social fabric of society in the long run.

However, meritocracy not only blows relatively small individual differences out of proportion to create a cult of winning. Meritocracy can also never be the only normative goal for a society. For instance, as numerous advocates of equality of opportunity have argued, not everyone gets out of the racing blocks at the same time. Members of the elite are in much better position to place their kids in the meritocratic race than parents with less privileged backgrounds. Occasionally and controversially, institutions use countermeasures: affirmative action, minority quotas, seniority principles etc. But these countermeasures never sit easily with the underlying creed of meritocracy.

Meritocracy also makes us measure things that are hard to measure. Ever wondered how to rate who the best painter of all times was, or the best pop/rock/jazz band? Or what to answer what your favourite football/ soccer goal of all times is? Or whether you like skiing or sunbathing more? For many people the answer is tricky, because the problems are multi-dimensional. Skiing and sunbathing are both favourite options, depending on the season. Football knows many different, equally wonderful types of goals. And it is impossible to say that Van Gogh was the better painter than Gauguin.

These are obvious examples, but they also apply to policy problems. Should money be better spent on roads or schools? Should politicians talk more about the environment or more about the pandemic? A ‘rating society’ makes us rate things that cannot easily be rated. This can yield dangerous results under certain circumstances: the meritocratic process is, in the best of all cases, extremely difficult, and the worst cases extremely misleading. Many allocation problems suffer from this. Let me make a simple example: Who should get the annual best paper award at a political science conference? A women who collected thousands of data points, used an intriguing statistical method and found some interesting voting patterns? Or a man who did months of ethnographic field research, spending hundreds of hours listening to voters in the countryside? Even seemingly ‘objective’, ‘rigorous’ and ‘scientific’ procedures often boil down to ‘aesthetic’ preferences of jury members.

In other contexts, complicated benchmarking either means that those with most resources will win (best prepared bid), or those with politically closest ties (nepotism, corruption). FIFA’s way how to decide on who to host Football (Soccer) World Cups is a good example for this dilemma. Yes, we all know that FIFA is marred with corruption scandals. Western critique about FIFA’s corrupt structures are in many ways justified, but usually these critics do not come up with interesting solutions to avoid the problem that money = merits. If it was about monetary merits, the US as the highest bidder should regularly host the World Cup every four years. The outcome would be ironic given that the US is somewhat of a dwarf in sporting success when it comes to male soccer nations.

One could say, of course, who cares about which country will host the World Cup. Unfortunately, most really important policy problems are complex, multi-dimensional and not easy to measure (at least not in an uncontroversial way). Complex problems make it easy for equating merit with money or else favouritism, corruption and patronage creep in.

Undoubtedly, wee need a mechanism to allocate scarce resources. We do not have enough money to give the everyone to equal measure. I think we should use lotteries in such cases more often. Take the FIFA example: A committee could check minimum quality standards to weed out bad bids. In a second stage, the lottery decides who gets to host the tournament. This would make it much more difficult that a) only rich countries win, or b) only the corrupt(ing) countries win. It would also honour the fact that there are usually several, very good bids, all with different merits. It would, finally, acknowledge the fact that a lot of success in life is ultimately due to sheer, damn luck.

What I propose here is not so outlandish as it sounds. Recently, even the World Bank has suggested to use a lottery system when other forms of targeting social transfers fail. Some scholarship grants or working permits such as the U.S. Green Card are given on a random basis. Other policy applications use lotteries to experiment. In 2019, the Nobel Prize in economics was awarded to Esther Duflo and AbhijitBanerjee for their ‘proselytization’ of randomized controlled trials (RCTs). RCTs are nothing else than using a lottery to assign who gets to benefit from a policy or not. The lottery allows us to find out how effective these (relatively simply) policy interventions are. While such experiments have clear limits, they can allow us to get a glimpse at the social mechanics of policy interventions.

What we now need is to take the lottery from merely experimenting to actually allocating scarce resources. To be clear: I am not advocating for applying lotteries everywhere, from all forms of public redistribution of money, to all hiring procedures for new jobs, and to all forms of contracting on random basis. But occasionally throwing up your hands in the air and using a lottery as a fairer, more equitable and more realistic tool of policymaking is definitely a useful antidote against all the competition that pervades our economy, politics and society. Who knows, next time you lose out on a contract, a grant, a job or an award you might have to damn your fate, rather than damning a jury decision you anyways would have thought to be biased.

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Wie wirksam sind Lockdown Maßnahmen? Ein grober Überblick über bestehende Studien

Präambel: Ich bin kein Experte auf dem Gebiet der Pandemieforschung. Daher erhebe ich keinerlei Ansprüche, dieses Feld gut zu kennen. Ich kenne mich lediglich im Bereich der Statistik bezüglich von Ländervergleichen aus, wenngleich es auch in diesem Feld ‚größere Kapazitäten‘ als mich gibt. Trotzdem ist vielleicht gerade der fachfremde Blick hilfreich, die Diskussion um die vorhandene quantitative Evidenz zur Wirksamkeit der Lockdown Maßnahmen zu beobachten. Meine Beobachtungen zielen dabei auch weniger auf ein Fachpublikum, sondern die breite Öffentlichkeit. Insbesondere geht es mir darum zu erklären, warum das Publikum keine vorschnellen Schlüsse aus einzelnen wissenschaftlichen Ergebnissen ziehen soll.

Es ist gar nicht so einfach zu sagen, was als empirisch ‚belastbare Evidenz‘ in Medizin und Epidemologie gilt. In der Regel bevorzugen Mediziner Experimente. Idealerweise haben Experimente mindestens zwei Gruppen: eine Gruppe bekommt ein Medikament z.B. gegen Schmerzen, die andere ein Placebo. Es ist wichtig, dass dies in einem geschlossenen Labor passiert, damit die Außenwelt keine Einwirkung entfalten kann, und dass die Gruppen zufällig zusammengesetzt werden. Der Zufall (sowie eine ausreichend große Stichgrobe) ist entscheidend, weil es sonst sein kann, dass nur bestimmte Menschen, z.B. solche mit hohen Schmerzen, teilnehmen wollen bzw. das Medikament wählen. Dies entspräche aber genau dem umgekehrten Zusammenhang (von der Krankheit auf die Wahl der Mittel).

In einem Experiment kann man dann eine Differenz-in-der-Differenz gemessen: wie verändert sich etwas bei der Gruppe, die ein Medikament bekommt im Verhältnis zur Veränderung der Gruppe, die nur ein Placebo bekommt. Ist der Effekt groß genug und deutlich genug (‚signifikant‘), dann ist das Medikament wirksam. In der Praxis sind Experimente häufig schwierig bis unmöglich bei komplexen Dingen. Z.B. kann man m.E. den Effekt des Maskentragens kaum mit (Feld-)Experimenten ermitteln. Wenn also einiger Mediziner behaupten, dass es keine Evidenz für die Wirksamkeit des Maskentragens gibt, dann haben sie ein sehr restriktives Verständnis darüber, was als Evidenz gilt. Sie akzeptieren nur Experimente (und vielleicht noch Feldexperimente wie Randomized Controlled Trials).

In diesem Fall kann man aber die ganzen Lockdownstudien auch gleich ignorieren. Denn beim Lockdown gehen Experimente nicht, weil Regierungen i.d.R. nicht experimentieren können oder (aus ethischen Gründen) wollen. Zudem sind die Effekte nicht individuell, sondern systemisch, und es gibt keine Kontrolle (bzw. den geschlossenen Raum). Um den Effekt von Lockdownmaßnahmen auf relevante Infektionskennzahlen zu schätzen gibt es v.a. zwei Methoden. Entweder man simuliert diese Effekte mit Computermodellen oder man versucht, ‚echte‘, observierte Daten mittels statistischer Tests zu analysieren. Simulationen können auch auf echte Daten kalibriert sein, aber diese Studien waren v.a. auch zu Beginn der Pandemie wesentlich, weil man noch keine realen Daten zur Verfügung hatte.

In letzter Zeit gibt es jedoch Studien des zweiten Typs. Bei ‘echten’, d.h. observierte Daten gibt es a) große Probleme der Messbarkeit und Vergleichbarkeit über Länder hinweg, b) relativ wenige Fälle, und c) sind diese Fälle nicht zufällig verteilt. Sehen wir uns hier das Beispiel der jüngsten Studie von Bendavid et al.[ https://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/eci.13484] an, die angeblich von politischen Entscheidungsträgern systematisch missachtet wird (https://www.youtube.com/watch?v=-bDwvbpnWwI&feature=share&fbclid=IwAR1QrE2wJ0crPP4tnOZZMc_IvHyZFKQe-xYcM4DoBb4v_YNsTTzhOtxboZQ). Die Autoren benutzen reale Daten und stellen die Versuchsanordnung eines Experimentes nach. V.a. unterscheiden die Autoren, Südkorea und Schweden als ‚Kontrollgruppe‘ mit relative schwachen Lockdownmaßnahmen und eine Gruppe aus weiteren acht Ländern (England, Frankreich, Deutschland, Spanien, Iran, Italien, Niederland und USA), welche die ‚harte Medizin‘ von strikten Lockdownmaßnahmen verabreicht bekommen haben. Der Untersuchungszeitraum beschränkt sich auf die erste große Welle der Pandemie im Frühjahr 2020.

Um noch mehr Fälle zu bekommen, schlüsseln die Autoren die Daten regional auf, betrachten also Regionen innerhalb Schwedens, Deutschlands etc. Allerdings erhöht das die ‚echte‘ Fallzahl nicht unbedingt, v.a. dann nicht, wenn die Maßnahmen von vielen oder allen Regionen zeitgleich in einem Land getroffen wurden. Außerdem gibt es auch noch zusätzliche Messbarkeits- und Zurechenbarkeitsprobleme, wenn die Regionen sehr klein werden. Dann kann es beispielsweise sein, dass die Nachbarregionen COVID-Fälle aufnehmen oder abgeben.

Geringe Fallzahlen spielen übrigens auch deswegen eine Rolle, weil kleine ‚Stichproben‘ dazu tendieren, Nulleffekte zu produzieren. Oder auf Deutsch: Man findet kaum gut beobachtbare und inhaltlich interessante Unterschiede, wenn man sehr wenig Fälle bzw. sehr wenig Unterschiede zwischen den Lockdownmaßnahmen dieser Fälle zur Verfügung hat. Der Nulleffekt ist aber das Hauptargument der Autoren in dieser Studie („We fail to find strong effects.“).

Aus meiner Sicht aber ist problematischer, dass die Länder nicht zufällig COVID Maßnahmen treffen, sondern als Reaktion auf die Entwicklung der Fallzahlen. D.h. der kausale Zusammenhang ist erstmal vermutlich eher umgekehrt: Nicht wie wirkt der Lockdown auf die Fallzahlen, sondern wie wirken Fallzahlen auf die Wahrscheinlichkeit, dass eine Regierung in einen harten Lockdown geht. Es würde mich zum Beispiel sehr wundern, wenn Südkorea nicht auch noch einen härteren Lockdownplan in der Schublade gehabt hätte. Aber Südkorea war vermutlich im Frühjahr schnell und fähig genug, die Pandemie mit gezielten Maßnahmen (test and trace) zu stoppen. Daher musste Südkorea auch härtere Maßnahmen gar nicht mehr erwägen.

In Experimenten ist das mit der umgekehrten Kausalität meist kein Problem, weil dort zufällig auf Medikation und Placebo verteilt wird. Hier, mit nichtexperimentellen Daten, ist die Richtung der Kausalität jedoch eine große Crux. Ich selbst arbeite viel zu Armut und Sozialpolitik. Da gibt es genau das Problem, dass Sozialpolitik Armut reduzieren soll, aber nur wirklich Arme die Sozialpolitik bekommen (sollten). Diese beiden gegenläufigen Effekte wirksam auseinander zu dröseln ist sehr schwierig. Manche Studien sind da besser als andere, aber einfach lösen kann das niemand.

Zudem kommt, dass es bei nichtexperimentellen Daten wichtig ist, möglichst vergleichbare Gruppen zu haben. Das ist jedoch bei Ländern extrem schwer. Schweden ist bis auf Stockholm dünn besiedelt, da müsste man jetzt also genau wissen, wie da für Bevölkerung und Besiedlung kontrolliert wurde. Wenn ich die Studie richtig verstehe, dann ist Stockholm eine Region von 21 Regionen (https://en.wikipedia.org/wiki/Counties_of_Sweden) obwohl Stockholm bei weitem die meisten Einwohner hat. Der Ausreißer Stockholm spielt also im Modell kaum keine Rolle (auch wegen der Differenzen-in-Differenzen). 

Zudem hat Schweden wenig relevante Außengrenzen und war relativ weit vom ersten Hotspot in Europa (Italien/ Spanien/ Österreich?) entfernt. Südkorea ist sogar noch extremer, weil es eine politische Insel ist: es hat nur eine einzige physische Grenze, und die ist aus politischen Gründen kaum relevant. Viele der in der Presse oft diskutierten ‚Erfolgsfälle‘ in der COVID-Bekämpfung – ob mit oder ohne harten Lockdown – sind Insellagen (Taiwan, Neuseeland, Israel…). Da muss man häufig nur die Flughäfen kontrollieren oder dichtmachen und Grenzschließungen sind dort auch politisch weniger problematisch.

D.h. nicht, dass man aus Schweden und Südkorea nichts lernen kann. Und die Studie ist durchaus gut gemacht und relevant. Aber der Vergleich ist nicht einfach. Etwas besser m.E. wäre z.B. ein Vergleich zwischen Schweiz (weniger harter Lockdown) und Österreich (harter Lockdown). Die beiden Länder waren auch ziemlich gleichzeitig der Infektion ausgesetzt und haben doch unterschiedlich reagiert. Allerdings war der Unterschied vielleicht im Herbst größer als noch im Frühjahr letzten Jahres.

Es gibt auch noch weitere Probleme, wenn man sich die acht ausgewählten Ländern mit hartem Lockdown ansieht. Die Gruppe ist sehr heterogen. Die jeweilige Belastung durch COVID unterschied sich stark von Land zu Land, und die Maßnahmen ebenso. Wenn man aber eine heterogene Gruppe betrachtet, passiert es häufig, dass die Effekte stark verwischen. Auch das timing solcher Maßnahmen ist schwer zu bestimmen. In der Regel werden Lockdownmaßnahmen lange diskutiert. Das macht es schwierig zu verstehen, (ab) wann und ob die Bevölkerung darauf reagiert. Sicher ist, dass dies nicht unbedingt der offizielle Zeitpunkt des Einführens der Maßnahme sein muss.

Ein sehr interessanter Teil der Bendavid Studie ist, dass der Lockdown kontraproduktiv wirken kann. Anekdotisch sieht man das ja sehr eindrücklich zum Beispiel an den Massenkundgebungen der Trumpwählern und von Coronaskeptikern in Europa. Auf die Studie angewendet könnte das erklären, warum manche der Ergebnisse der Effekte positiv sind, also die Infektionsraten noch zu steigern scheint. Das könnte auch erklären, warum der zweite Lockdown scheinbar weniger funktioniert. Die Leute machen nicht mehr mit. Aber, wie gesagt, eine solche Interpretation ist auch mit Vorsicht zu genießen, denn eine höhere Infektionsrate könnte auch bedeuten, dass die Wirkungsrichtung sich in die andere Richtung bewegt, von den Infektionszahlen zu immer strikteren Lockdownmaßnahmen. Der Differenzen-in-Differenzen Ansatz kann dieses Problemen nicht wirklich lösen.

Wie steht die Studie von Bendavid et al. im Verhältnis zu anderen Studie? Ich habe mal bei Google Scholar eingegeben „Effectiveness Lockdown Corona/COVID“ (bzw. die ersten 10 Seiten an Treffern). Je nach zählweise finde ich so zwischen 10 und 15 Studien. Die Auswahl ist sicherlich verbesserungswürdig, aber ich habe nur Studien angesehen, die observierte Daten verwenden. Man kann sich jetzt über jede einzelne Studie streiten, aber die meisten tendieren dazu, dem Lockdown eine gewisse Wirksamkeit zu attestieren. Wenn ich auszähle finde ich neun Studien, die einen Effekt finden, zwei (oder mehrere) gemischte, und eine, die keine Effekte findet.

Autorengeographische EingrenzungErgebnis
Medeiros de Figureiro et al.  2 chinesische Provinzen“6-8% reduction in relative risk”
Nazmoon Nabi and Islamfive developing countriesno compelling evidence
Cocchiasix countriesshort lockdown effective
BhandaryNepaldoubling time increased
Alfano and Ercolano109 (47) countrieslockdown measures bring R0 down
Neidhöfer and Neidhöferthree countries synthetically matched with OECD sampleearly measures effective
Islam et al.149 countriesoverall reduction of 13%
Bonardi et al.184 countriespartial lockdown as effective as stricter measures
Moris and SchizasGreeceearly lockdown was appropriate
Saijan et al.2 Indian statesmeasures had great (but varied) impact
Haug et al.two samples: 79 territories and 226 countriesseveral measures reduce risk, some are borderline significant.
Lau et al.Wuhansignificant increase in doubling time

Das ist natürlich nur grob (und manche Studien scheinen methodisch deutlich besser als andere), aber die Tabelle zeigt, dass wie immer gilt: eine Studie ist keine Studie! Das heißt nicht, das Bendavid et al. falsch liegen. Vermutlich werden wir in Zukunft noch mehr Studien sehen, welche die Effekte von Lockdownmaßnahmen in Zweifel ziehen. Die Unterschiedlichkeit der Ergebnisse liegt am Untersuchungsgegenstand. Statistische Studien mit Ländervergleichen haben immer strukturelle Schwächen, v.a. bei sehr komplexen sozialenwissenschaftlichen Problemen. Daher müssen alle Arten von Evidenzen (auch Simulationen, Fallstudien etc.) systematisch herangezogen werden, um ein ‚solides Bild‘ zu bekommen.

Eine andere Frage ist natürlich, ob die positiven Effekte groß genug sind, um die stark freiheitsberaubenden und sozial, ökonomisch und psychologisch bedenklichen Maßnahmen rechtfertigen zu können? Auch hier gibt es Studien (z.B. Mol und Karnon [https://doi.org/10.1101/2020.09.14.20194605]), aber hier betreten wir meiner Meinung nach ein Territorium, das wissenschaftlich nicht mehr wirklich wertneutral verhandelt werden kann. Es kommt v.a. darauf an, wie man den Wert menschlichen Lebens und Leidens ansetzt (sowohl auf der Kosten- als auch Nutzenseite von Lockdowns), und das ist auch eine ethische Frage. Da helfen Berechnungen alleine kaum.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Wissenschaft sich in einer Zwickmühle befindet. Einerseits ist es sehr schwierig komplexe Studienergebnisse richtig zu interpretieren und zu diskutieren. Daher sind viele Wissenschaftler*Innen sehr zurückhalten, sich in das Mediengetümmel zu stürzen. Andererseits schwirren wissenschaftliche Studien dann einfach losgelöst im Äther von Youtube, Facebook und anderen Medien und können wie auch immer (voreingenommen) interpretiert werden. Daher werden wir wohl in Zukunft nicht darum herum kommen, mehr Wissenschaftler*Innen und mehr Wissenschaftsjournalist*Innen auszubilden, die systematisch Evidenzen zusammen ziehen und für eine breitere, interessierte Öffentlichkeit aufbereiten können. Ansonsten überlassen wir die Interpretation der Ergebnisse wilden Spekulationen über angebliche, verdeckte Motive.

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Blog Post on Giving Feedback #TeachingMethods #HigherEd

I wrote a post on the excellent blog of Arbeitskreis Hochschullehre (German Political Science Association). It is in German only, but here is a short summary in bullet points.

  • Two types of feedback: summative (often for grading) or formative (as a learning exercise).
  • Both types of feedback typically given individually
  • Especially for formative feedback it is better to give feedback in the whole group.
  • Feedback in group leads to group learning rather than individual learning.
  • Especially for presentations helpful, but also for term paper.
  • Feedback in group needs to be carefully designed to avoid conflicts.
  • But this is no problem as long as basic etiquette is guaranteed (politeness etc.)
  • Such feedback is also efficient for the course instructor because he or she does not have to repeat similar comments endlessly.

See the blog post here or here for further details.

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